Musikmachen ist eine soziale Angelegenheit, die im Jetzt, in der Gegenwart stattfindet

Musiker der ersten Stunde

John Tchicai ist in vielerlei Hinsicht ein Musiker der ersten Stunde. Er ist international bekannt für seinen entwaffnenden Sinn für Dramaturgie, Rhythmus und Humor. Er war als einziger Europäer an der Gestaltung des neuen Jazz Anfangs der 60er Jahre entscheidend beteiligt. Noch in Kopenhagen gründete er gemeinsam mit Don Cherry und Archie Shepp die "New York Contemporary Five", deren multilineare Improvisationen der harmonischen Freiheit 0rnette Colemans verpflichtet waren und dessen Spielauffassung er auf die simultane Improvisation dreier Bläser übertrug.

Tchicai gründete mit Roswell Rudd und Milford Graves das "New York Art Quartett", wirkte bei bahnbrechenden Aufnahmen mit John Coltrane ("Ascension") und Albert Ayler ("N.Y. Eye and Ear Controll") mit. Auch mit "Cadentia Nova Danica" and "John Tchicai & the Archetypes" betrat er Neuland und wirkte in Chris McGregors "Brotherhood of Breath" wie auch in der Gruppe Johnny Dyanis.

Seit 1986 arbeitet er im Projekt Jazz gegen Apartheid. Im Oktober 2006 trifft er in Frankfurt mit Louis Moholo und Makaya Ntshoko zusammen bei der Konzertreihe Jazz gegen Apartheid - zwischen Heimkehr und Exil

Lieber John, du bist als sehr junger Musiker von Kopenhagen nach New York aufgebrochen und warst als erster Europäer aktiv beteiligt, als der Jazz in seinem Entstehungsland zu völlig neuen Ufern aufbrach. Etwa ein Jahrzehnt später bist du in Europa auf die Südafrikaner Johnny Dyani, Makaya und Moholo getroffen, die der Musik der folgenden Jahrzehnte ähnlich bahnbrechende Impulse versetzten. Kann man unseren jüngeren Lesern erläutern, wie sich deine Situation - als jugendlicher Europäer in New York - unterscheidet von der Situation der jungen Musiker im Exil, mit denen du in Kopenhagen und Europa zusammengekommen bist?

Die europäische Musikwelt hat die Exil-Musiker viel herzlicher aufgenommen als Amerika der jungen Musiker-Generation in den 60iger Jahren begegnete. Und auch in den 70igern war es ja noch ungewöhnlich, dass schwarze und weiße Musiker aus Südafrika in ganz Europa gemeinsame Konzerte gaben.

Mit dem Auftreffen der Exilmusiker aus Südafrika auf eine hellwache Szene in Europa entwickelte sich auch hier eine neue musikalische Ästhetik. Außer dir sind so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Okay Temiz, Irene Schweizer, Don Cherry, Radu Malfatti und Pierre Dorge damit konfrontiert, nachhaltig gefesselt und engagiert worden. Was hat dich, John Tchicai, so viele Jahre lang mit dieser Musik verbunden?

Die Unmittelbarkeit des Ausdrucks und die musikalische Sprache, die sowohl in der Moderne als auch in der Tradition von Xhosa und Zulu wurzelt, hat mich schon immer fasziniert. Auch weil meine eigenen Wurzeln zum Teil in Afrika liegen, war es leicht für mich, in diese Musik einzutauchen.

Die Musik von Johnny Dyani, Makaya Ntshoko, Louis Moholo und Chris McGregor ist getragen von einem Menschenbild, dass diese Musiker nicht in Südafrika, sondern nur im Exil verwirklichen konnten. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Dyani, Makaya, Moholo und McGregor mit ihrer Musik die Apartheid besiegt haben. Du hast deine Freunde und Kollegen in einer Epoche begleitet, die menschlich, musikalisch, aber auch ökonomisch sehr schwierig war. Wie konntet ihr es leisten, dass die Musik Schönheit und Botschaft zugleich wurde?

Die Tatsache, dass wir zusammen auftraten und Musik machten, Schwarze und Weiße gemeinsam, an vielen Orten Europas, war unsere eigentliche Botschaft. Niemals wurden wir aufgefordert, wie es so oft in Südafrika und in den USA passierte, getrennt zu spielten oder nach den Auftritten unterschiedliche Hotels aufzusuchen. Wir bestanden darauf, das zu spielen, was wir für unseren schönsten und authentischsten Ausdruck hielten und niemals unsere Ideale zu verraten oder zu verleugnen, wer wir waren oder wo wir herkamen.

Bewunderer der Musik Johnny Dyanis fasziniert, dass hier eine Schönheit der Farben, der Bilder, der scheinbar leicht singbaren Lieder bruchlos verbunden ist mit dem "politischen" Signal ("U.D.F"), den Hymnen für grosse Zeitgenossen ("Lilian Nguy", "Song for Biko"). Kritiker sprechen deshalb von der politischen Ästhetik Johnny Dyanis. Würdest du das Lebenswerk Dyanis mit "politischer Ästhetik" verbinden?

Irgendwie war sein ganzes Leben politisch, weil er seine Heimat ja auch als Protest gegen die Zustände in Südafrika verlassen hatte. Und viele seiner Musiker-Kollegen wussten, wie er daran litt, nicht nach Hause zurückkehren zu können. Sein Leben, seine Arbeit und sein Werk sagen ganz viel über seinen Enthusiasmus aus, seine Freude und sein Prinzip Hoffnung auf den Sieg des menschlichen Geistes. Obwohl er viele politische Reden hielt, hatte er doch durch seine Musik den direkteren Zugang zu den Herzen der Menschen.

Die lange Liste der Kompositionen Johnny Dyanis liest sich wie eine Auswahl der geschichtlichen Ereignisse und Katastrophen in seiner Lebenszeit. Sie kann aus der Sicht der "Spätgeborenen" wie ein Dokument für Ereignisse, Persönlichkeiten, Umbrüche gesehen werden. Ist es überhaupt erlaubt, Kunst zum Beleg für Vergangenes zu machen?

Wer will uns vorschreiben was erlaubt und was nicht erlaubt ist? Die Leute machen sowieso, was sie wollen. Ich frage mich überhaupt, ob wir dieses Wort "Kunst" in Verbindung mit Johnny's Musik bringen sollten. Es ist eine bekannte Tatsache, dass dieses Wort in vielen Gesellschaften der Welt, jetzt wie auch früher, gar nicht existiert. Und in Südafrika? Ich denke, für Johnny und viele, viele andere Musiker ist das Musikmachen eine soziale Angelegenheit, die im Jetzt, in der Gegenwart stattfindet, und ästhetische Beweggründe spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Mit dem Schlagzeuger Makaya Ntshoko verbindet dich über viele Jahre eine intensive und produktive Partnerschaft. Wie und aus welchem Anlass hat das angefangen?

Ich glaube, ich habe schon mit Makaya gespielt, als er noch House Drummer im Jazzhouse Montmartre in Kopenhagen war, aber vielleicht war das erste richtige Konzert in Willisau auf dem Festival mit Irene Schweizer und Buschi Niebergall im Jahre 1975.

Zwischen Heimkehr und Exil: das Cape Town International Jazz Festival 2005 vereinte erstmals in Kapstadt die Musiker, die nach 40-jährigem Exil die Rückkehr nicht wagen konnten, nun aber zum coming home eingeladen sind. Die Heimkehr Moholos vor zwei Jahren ist so etwas wie ein Signal...

Wie Louis mir erklärte, ist die Situation heimgekehrt zu sein noch immer nicht sehr rosig. Es fehlt das klare "Grüne Licht", er hat auch noch kein unbefristetes Aufenthaltsrecht oder gar eine Rente, was ihm eigentlich zusteht. Er muss sich immer noch ganz schön anstrengen und sich um Auftrittsmöglichkeiten in der ganzen Welt bemühen.

Du hast Moholo kürzlich in Paris getroffen und ihr habt euch über 20 Jahre Jazz gegen Apartheid unterhalten. Gibt es eine Heimkehr aus dem Exil oder bleibt diese reiche Musik des Exils immer eine "verdrängte Musik", die wir in Europa pflegen und vor dem Untergang bewahren müssen?

Es sieht nicht so aus, als gäbe es ein feierliches coming home in Südafrika, wie in vielen anderen Ländern. Die Situation ist für viele äußerst schwierig und die angebotene Unterstützung sehr dürftig. Wer nimmt sich schon die Zeit, über Kultur, Musik und Kunst nachzudenken? Die Länder, die gut organisiert sind und Kulturpolitik betreiben, sollten mehr dafür tun, die "bedrohten Spezies" zu schützen, und viele lebende wunderbare Musiker fallen in diese Kategorie.

Wann immer du mit einer eigenen Gruppe konzertierst, spielst du Johnny Dyanis Komposition "Appear" (Ithi-gqi). Würdest du beschreiben wollen, was dich an der Musik eines anderen Musikers so beflügelt?

"Appear" hat ein schönes singbares Thema, das einen gefangen nimmt. Es hat einige Harmonien, die simpel erscheinen, aber schwer zu improvisieren sind. Es ist eine lustvolle Übung im Gebrauch des eigenen Verstandes, sie immer wieder zu spielen.

Lieber John, ich danke für dieses Gespräch und wir alle freuen uns auf die Konzertwoche im Oktober in Frankfurt mit Jazz gegen Apartheid - zwischen Heimkehr und Exil.

Das Interview führte: Jürgen Leinhos