Die Verfilmung einer Flucht aus der mittelhessischen Heimat

Für das Filmprojekt „In die neue Welt“ sucht Willi Schmidt, Mitbetreiber der Waggonhalle, Autor, Regisseur und Schauspieler,  finanzielle Mithilfe für eine Romanverfilmung.

Auf Grundlage des gleichnamigen Romans entsteht eine Inszenierung aus Theater- und Filmsequenzen - ein Theater-Film-Projekt. Hauptthemen des Films sind die sozialen Spannungen in der dörflichen Struktur der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, woraus sich der Drang von jungen Leuten aus dem dörflichen Milieu nach Auswanderung in die „neue Welt“, in ein „neues, besseres Leben“ ergibt. Erzählt wird die die Geschichte von Luise aus dem bäuerlichen Milieu eines Dorfes von vor 100 Jahren, die gemeinsam mit den Knechten Gotthard und Heinrich aufbricht, um nach Amerika auszuwandern. Umgesetzt wird der Film durch die Filmemacher Bettina Pelzer und Heinz-Albert Staubitz.

Um das Filmprojekt realisieren zu können, brauchen die Initiatoren finanzielle Unterstützung. So werden Spender gesucht, privat oder Firmen, die sich vorstellen können den Film zu sponsern – auch kleine Beträge können helfen. Eine Beteiligung ist bis zum 29.5.2018 möglich.

Im Interview mit der LAKS äußert sich Willi Schmidt zu dem Filmvorhaben und den dahinter stehenden lokalhistorischen Theaterprojekten sowie zur aktuellen Situation der Waggonhalle Marburg.

 

Willi, du suchst für ein Filmprojekt per Crowdfunding Unterstützung. Worum geht es?

Es geht um die Verfilmung eines Romans mit dem Titel „In die neue Welt“, der eine Geschichte aus der ländlichen Region in Mittelhessen, aus der Zeit von vor gut 100 Jahren erzählt. Im Mittelpunkt steht dabei die Bauerntochter Luise, die letztlich aus dem vorbestimmten Lebensentwurf des sozialen Umfelds auszubrechen versucht. Für die „Neue Welt“ steht in diesem Fall Amerika, wo man glaubt, frei, ohne Standesunterschiede, leben zu können. Dieser Ausbruch führt Luise im zweiten Teil des Romans, gemeinsam mit den Knechten Gotthard und Heinrich, in die proletarische Welt des Hamburger Hafens vor Beginn des 1. Weltkrieges.

Die Geschichte spielt zwar in der dörflichen Region des Marburger Landes und thematisiert auch Überlieferungen, Bräuche und ähnliches aus dieser Region, ist aber sicherlich auf sehr viele ländliche Regionen, überall im Land, zu übertragen. Realisiert werden soll der Film mit einer in München ansässigen Filmproduktionsfirma, die von einem Filmemacher mitbetrieben wird, der ebenso wie ich als Autor des Romans aus dem mittelhessischen Dorf Wittelsberg bei Marburg stammt und insofern einen persönlichen, regionalen Bezug hat. Um eine professionelle Umsetzung zu gewährleisten, sind natürlich finanzielle Mittel nötig. Dazu gibt es durch regionale Fördertöpfe auch schon einen Grundstock, der über das Crowdfunding entsprechend erweitert werden soll. Natürlich ist die Realisierung letztlich aber nur mit ehrenamtlichem Engagement von vielen Helferinnen und Helfern vor Ort möglich, so gibt es zum Beispiel eine Kooperation mit einer örtlichen Trachtengruppe.

 

Der Film steht in der Folge mehrerer lokalhistorischer Theaterprojekte. Was gab es und was war das Besondere an diesen Projekten?

Es ging bei diesen Theaterprojekten immer um regionale Geschichte aus einem bestimmten Blickwinkel, nämlich dem aus der Unterschicht. In der Sozialstruktur der Dörfer mit Mägden, Knechten und Tagelöhnern, waren noch bis in die Zeit der 1950er Jahre sozusagen die Bauern die Herrschenden – jedenfalls in den Regionen, wo das Land fruchtbar genug war, um für relativen Reichtum bei den Landbesitzern zu sorgen. Mein Interesse daran ist sicherlich auch persönlicher Natur, denn meine Großväter waren Knechte, und auch meine Mutter war als junges Mädchen noch Magd bei einem Bauern. Ich habe mich dieser Klasse immer verbunden gefühlt und wollte und will diesen Menschen, die weder in der historischen Realität noch in der bürgerlichen Geschichtsschreibung etwas zu sagen hatten, eine Stimme geben; sei es durch Theater oder Literatur. Die Recherche dazu war nicht einfach, da zum Beispiel vorhandene Chroniken in der Regel von männlichen Lehrern und Pfarrern geschrieben wurden – da war die Dorfchronik von einer Frau, die als junges Mädchen noch Magd gewesen war, eine für mich sehr hilfreiche Ausnahme – ansonsten galt es in den Chroniken viel „zwischen den Zeilen“ zu lesen und auf persönliche Überlieferungen, Familiengeschichten und Ähnliches zu vertrauen. Außerdem sind die Dialoge der Theaterstücke auch teilweise mit Hilfe von Improvisationstechniken gemeinsam mit den Schauspielern entstanden. Bei den Inszenierungen war mir zudem die Zusammenarbeit mit örtlichen Vereinen und Trachtengruppen sehr wichtig, denn nur darüber konnte die Authentizität der Trachten, Bräuche, Lieder und Tänze erzielt werden, die immer Teil der Inszenierungen war und wodurch auch viele Menschen angesprochen wurden, die normalerweise nicht ins Theater gehen und schon gar nicht in das moderne Theater eines soziokulturellen Zentrums wie der Waggonhalle. Darüber wurden, ganz nebenbei, auch viele Stammgäste aus den umliegenden Dörfern für die Waggonhalle gewonnen. Die Stücke wurden aber auch in den Dörfern selbst als Gastspiele gezeigt – in Schulen, Bürgerhäusern und Gaststätten.

 

Die Handlungen spielen vor etwa 100 Jahren. Welche Bezüge, Fragestellungen oder Vergleiche zur Gegenwart gibt es?

Die soziale Frage wird solange aktuell sein, wie es ökonomische Ausbeutung mit den entsprechenden Machtstrukturen gibt. Das ist die eine Ebene, die man sofort aus historischen Zusammenhängen auf die Gegenwart übertragen kann. Die andere Ebene ist die persönliche von Menschen- die Sehnsucht nach einem freien, selbstbestimmten Leben, die Neugier und Angst vor dem Neuen und Fremden. Und dass die Auswanderungswilligen im Milieu des Hamburger Hafens stranden, also sozusagen Flüchtlinge sind – und auch genau die Mischung von Flüchtlingen aus ökonomischen Gründen, verbunden mit Unterdrückung, wie zahlreiche Flüchtlinge, die heute nach Europa kommen -, hat natürlich auch einen Bezug zur Gegenwart.

 

Wie kann man sich bei Interesse an der Crowdfund-Aktion beteiligen?

Über die Internetplattform „Startnext“ kann man Näheres über das Projekt erfahren und sich auch einen Videotrailer zu dem geplanten Film anschauen, und sich dann natürlich mit einer Spende am Projekt beteiligen. Der Link ist: https://www.startnext.com/in-die-neue-welt

 

Du bist auch bei der Waggonhalle Marburg aktiv. Die Waggonhalle schließt in diesen Tagen, von März bis Mai 2018, für drei Monate. Was ist der Hintergrund?

Die Stadt Marburg hat sich zu einer umfangreichen Sanierungsmaßnahme entschlossen, insbesondere am Dach, welches energetisch saniert wird. Hinzu kommen eine neue Heizung, ein Neubau der Techniktraverse, welches durch den Dachumbau nötig wird, sowie Umbauten an den Nebenräumen. Dadurch wird die dreimonatige Schließungszeit nötig.

 

Was passiert in dieser Zeit? In der Waggonhalle selber, aber auch in Sachen „Waggonhalle auf Tour“?

Wir nutzen die Zeit zum einen zu Wartungsarbeiten an der Infrastruktur und zum anderen, um konzeptionelle Dinge umfassend zu besprechen und gegebenenfalls neu zu ordnen. Die Proberäume in unserem Nebengebäude bleiben von der Sanierung unberührt, insofern laufen unsere Vermietungen an verschiedene Gruppen der Stadt weiter. Außerdem werde ich selbst ein neues, eigenes Stück einproben unter dem Titel „Der Affenfelsen“, welches am Beispiel eines Wohnblocks in Marburg politisch aktuelle Themen, wie z. B. Rassismus und Flüchtlingsthematik, zum Inhalt hat und zur Wiedereröffnung der Waggonhalle im Juni Premiere hat. In der Zeit der Schließung bringen zudem die Kollegen Matze Schmidt und Nisse Kreysing das Stück „Blackbird“ zum Thema Kindesmissbrauch auf die Bühne vom G-werk in Marburg.

 

Gibt es noch etwas, das du an dieser Stelle loswerden möchtest?

Ich denke, das ist ausreichend.

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

 

Angaben zur Person:

Willi Schmidt, geboren 1960, Berufsausbildung als Koch, später über den 2. Bildungsweg Abitur, danach abgeschlossenes Studium der Sozialpädagogik.
Seit der Gründung des Theaters und Kulturzentrums „Waggonhalle“ in der Universitätsstadt Marburg 1996 ist er hauptberuflich Mitbetreiber des Theaters und dort tätig als Schauspieler, Regisseur und Autor.

Im Laufe der Jahre wurden dort zahlreiche Theaterstücke von Willi Schmidt uraufgeführt sowie an anderen kleineren Theatern gezeigt.

Die jeweils uraufgeführten Theater-Projekte der letzten Jahre waren: "Offm Eschbann", Theatertrilogie "In die neue Welt", (I: Die Gedanken sind frei, 1912, II: Die lange Nacht, 1913-14, III: Das Sängerfest, 1929 - Drei Theaterstücke, die in Marburg und um Umgebung gezeigt wurden), "Das Wirtshaus an der Lahn I", "Der Schlaf der Geige", "Das Wirtshaus an der Lahn II - Liebe, Tod und Revolution, 1919“, „Lulu - Das Lindenhaus“, „Das Wirtshaus an der Lahn III – Besetzung und Abriss, 1970“, „Das Wechselbalg“. 2016 hatte sein neustes Stück „Hotel zur langen Dämmerung“ die Uraufführung im Theater Waggonhalle.

Neben seiner Tätigkeit am Theater  hatte er Prosa-Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie folgende Buchveröffentlichungen von Romanen: „Zerbrochene Zeit“, 1999; „Aus der Tiefe der Hölle“, 2007, „In die neue Welt“, 2013, „Das Lindenhaus“, 2017.

Weitere Veröffentlichungen in verschiedenen Verlagen: „Festhalten was nicht festzuhalten ist“, Gedichte, 2016; „Hotel zur langen Dämmerung“, Theaterstück, 2017.

 

 

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2018 LAKS Hessen e.V, www.laks.de