Zum 10-jährigen Jubiläum der Schlüsselblume in Eschwege

Der Verein Schlüsselblume Eschwege e.V. im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis wurde im Jahr 2007 mit der Idee gegründet, eine Plattform zu schaffen, die es möglich macht Ideen umzusetzen und Interessierte zusammen zu bringen. Welche Ideen, Visionen oder konkreten Projekte das sein können, bestimmen die Mitglieder seit jeher selbst. Zum anstehenden 10-jährigen Jubiläum haben wir mit Gründungsmitglied Andrea Römer gesprochen.

Wann seid ihr gestartet und wie kam es zu eurer Initiative?

Wir hatten mit drei Leuten Ende 2005 den alten Dorfgasthof in Eschwege-Niederhone mit einem großen Saal gekauft, der bereits fünf Jahre leer stand. Um uns im Ort vorzustellen, haben wir am 5. August 2006 ein großes Sommerfest gefeiert. Da wir aus der Marburger Lesebühnen- und Slamszene kamen, waren etliche SlammerInnen aus Marburg und Berlin zu Gast, so dass wir abends spontan einen Poetry Slam veranstalteten. Den Leuten gefiel das sehr gut, uns machte es auch Spaß und damit war die Idee eines Vereins geboren. Wir wollten den Leuten anbieten mitzumachen und den Raum und unser Know-how zu nutzen. Im Januar 2007 gründeten wir dann mit sieben Leuten den Verein „Schlüsselblume“, wobei wir uns weniger als Kulturverein, sondern vielmehr als soziales Projekt verstanden habe. Wir wollten allen Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion, Gesundheit oder finanziellem Status die (kulturelle und soziale) Teilhabe ermöglichen. Entsprechend legten wir damals fest, dass der Mitgliedsbeitrag sowohl finanziell als auch nichtfinanziell geleistet werden kann, ganz nach Wahl und ohne Begründung. Jede/r sollte das einbringen, was er/sie kann.

Wie ging es weiter?

Wir haben dann regelmäßig Lesebühnen und Slams angeboten und alles, was die Mitglieder und Interessierten wollten, versucht: Spieleabende, Faschings- und Silvesterfeiern, Theater, Kabarett, Tanztee, Gesprächsrunden. Weiter haben befreundete Künstlerinnen angefragt, ob sie bei uns auftreten könnten, was wir gerne angenommen haben. So hatten wir Tillman Birr, Phillip Scharri, Marc-Uwe Kling, Lars Ruppel, Sebastian Krämer, Etta Streicher und viele andere auf unserer kleinen Bühne. Mit Felix Römer und Dominique Macri hatten und haben wir zudem ein grandioses Moderations- und Workshopleitungsteam. Den ersten Poetry Slam Workshop in 2008 leitete allerdings noch Lars Ruppel, der inzwischen weltweit mit seinen Workshops unterwegs ist. Dieser erste Workshop war unglaublich kreativ und bereichernd für alle. Wir hatten TeilnehmerInnen zwischen 5 und 70 Jahren aus ganz Deutschland, haben abends zusammen am Lagerfeuer gesessen und die NachbarInnen haben Kuchen mitgebracht und sich dazu gesetzt. Unser Abschlussslam war großartig und hat den Startschuss gesetzt für alle weiteren Workshops.

Das zweite Standbein war die Netzwerkarbeit. Wir haben von Anfang an Kontakt zu anderen Institutionen vor Ort aber auch überregional gesucht und in verschiedenen Projekten mitgearbeitet. Das erste große war 2009 das Filmfestival „Verrückt- na und?“ im Werra-Meißner-Kreis. Im gleichen Jahr haben wir erstmals beim Open Flair einen Poetry Slam im neu eröffneten E-Werk veranstaltet. In 2010 kam die erst „After Church Party“ in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde dazu, in 2010 der erste Slam in Witzenhausen, in 2011 haben wir erstmals den Hessenslam in Zusammenarbeit mit dem Open Flair Verein veranstaltet. Es folgten Nordhessische und Mitteldeutsche Schulmeisterschaften im Poetry Slam in Zusammenarbeit mit dem NVV oder der Hessenslam 2013 in Kassel, Railshows im NVV zwischen Thüringen und Hessen zum Thema „Wiedervereinigung“ und viele andere große und kleine Veranstaltungen.

Irgendwann haben wir dann gemerkt, dass wir bei aller Begeisterung an unsere Grenzen gestoßen sind und nicht mehr „wachsen“ konnten. Wir waren (und sind) ja immer noch ein rein ehrenamtliches „erweitertes Familienunternehmen“ und hatten uns alles was wir brauchten selbst beigebracht: Die Netzwerkarbeit, die Organisation der großen Veranstaltungen und insbesondere das Eintreiben von Fördergeldern kosteten sehr viel Zeit und Energie. Ab 2013 hatten wir dann vereinsintern eine echte „Krise“ und fragten uns, ob und wie wir weitermachen können. Mit neuem Vorstand, einem erweitertem HelferInnenteam, besserer Aufteilung der Arbeiten und weniger Veranstaltungen haben wir uns etwas umstrukturiert und seitdem sind wir wieder entspannter. Wir besinnen uns wieder mehr auf unsere sozialen Vereinsziele und konzentrieren uns auf die Projekte, die uns wirklich am Herzen liegen. Natürlich können alle Interessierten immer noch ihre Ideen und Wünsche einbringen, sie müssen dann aber auch an der Umsetzung maßgeblich mitarbeiten.

Wo steht ihr jetzt? Was sind eure Aktivitäten? Wer ist aktiv?

Wir haben aktuell 66 Mitglieder, davon sind 10-15 durchgehend aktiv. Unser „Kerngeschäft“ ist nach wie vor alles, was mit Sprache und Ausdruck zu tun hat. Wir veranstalten monatlich die Lesebühne, bei der jede/r selbstgeschriebene Texte oder Lieder vortragen kann, zwei bis drei Mal pro Jahr einen Poetry Slam, einen Songslam, eine After-Church-Party und zwei bis drei weitere Veranstaltungen aus den Bereichen Kleinkunst und Musik. Dazu kommen die mehrtägigen Projekte, die am meisten Vorbereitung und Organisation brauchen: die Bespielung der E-Werk-Bühne beim Open Flair und das jährliche inklusive Workshopprojekt. Für das Open Flair haben wir neben den Mitgliedern ein gewachsenes, großes HelferInnenteam, das alljährlich aus allen Teilen Deutschlands anreist. Für die Workshopwoche gibt es ein kleines Team aus Mitgliedern, das dieses Projekt seit fünf Jahren nachhaltig organisiert und fortführt. Inzwischen haben wir hier eine gewachsene Kooperation mit einem Seniorenwohnheim, einem Verein für psychisch Kranke, einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und einer Montessorischule aus Bayern. In diesem Jahr wird die Woche speziell für die MitarbeiterInnen der Institutionen, sowie die MitarbeiterInnen von Stadt und Kreis angeboten. Wir sind gespannt!

An welche Veranstaltung oder welches besondere Ereignis erinnert ihr euch am liebsten?

Ganz sicher an die erste Workshopwoche 2008, mit einem vollen Haus, tollen Leuten und wunderbaren Begegnungen. An die Aussage eines Dorfbewohners, wir seien „der Verein für die Vereinslosen“. An das erste E-Werk- Programm beim Open Flair, die Angst, was alles schief gehen könnte und die Freude, die Erleichterung und der Stolz am Sonntagabend. An die Abende und Nächte nach den Veranstaltungen mit Spielen, Reden, Feiern. An die „geslammte“ Rede des Bürgermeisters zu den nordhessischen Schulmeisterschaften im Poetry Slam. An die Aussage unser 75-jährigen Nachbarin, dass sie froh ist, dass es uns gibt.

Wie begeht ihr das Jubiläum?

Neben allen anderen Veranstaltungen gibt es in diesem Jahr am 17. Juni ein großes Sommerfest mit Workshops, Kinderprogramm, offener Bühne und Livemusik. Wir haben alte WeggefährtInnen eingeladen und hoffen auf ein volles Haus mit vielen Begegnungen.

Als ganz besonderes „Schmankerl“ kommen unsere alten Freunde Christian Meyer und Julius Fischer am 7. Dezember zu einem Benefizkonzert. Ihre Band „The Fuck Hornisschen Orchestra“ hat uns von Beginn an begleitet – oder wir sie. Inzwischen haben sie mit „Comedy mit Carsten“ und dem Slam beim MDR richtig Karriere gemacht, Julius Fischer war zuletzt mit Olaf Schubert in „Olaf macht Mut“ zu sehen und wir bilden uns wirklich etwas darauf ein, dass sie immer noch gerne auf unserer kleinen Wohnzimmerbühne stehen! Die Spendenerlöse aus Sommerfest und THFO-Benefizkonzert  investieren wir in unsere Workshopprojekte.

Wie bewertet ihr eure bisherige Entwicklung? Seid ihr zufrieden mit dem Erreichten? Wo nicht?

Wir sind sehr zufrieden und sehr stolz und so langsam glauben wir auch wieder, dass wir das alles schaffen. Wir hätten alle gerne noch ein bisschen mehr Zeit für den Verein und mehr Muse für die wunderbaren Begegnungen, aber es ist schon okay so.

Wo seht ihr euch in 5 Jahren?

Wir leben und feiern den Augenblick. Wenn wir Glück haben auch noch in fünf Jahren.

Gibt es an dieser Stelle noch etwas, das ihr unbedingt loswerden möchtet?

Wir möchten noch einmal ganz ausdrücklich der LAKS für ihre Unterstützung danken.  Ohne eure Beratung und  Begleitung wären wir nicht da, wo wir sind. Nicht nur, aber insbesondere auch der Einsatz für eine bessere Finanzierung der soziokulturellen Zentren hat dafür gesorgt, dass wir seit zwei Jahren endlich mit einer gewissen Sicherheit planen können und nicht aufgegeben haben. Gerade für einen Verein, der sich nicht als Kulturveranstalter sondern als inklusive Institution versteht und allen die Teilhabe ermöglichen will, ist das überlebenswichtig.

Das Interview führte: Bernd Hesse