Zum 15-jährigen Jubiläum der Kreativfabrik Wiesbaden

Die KREA ist aktiver Teil der lebendigen Kulturszene in Wiesbaden. Im Gebäude des ehemaligen Fleischereieinkaufs auf dem ehemaligen Schlachthofgelände betreibt der Verein ein Kulturzentrum mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm, vermietet bezahlbare Proberäume an junge, lokale Musikbands und bietet Raum für Initiativen, Gruppen und Seminare aus dem kulturellen und sozialen Umfeld. Der Verein fühlt sich den Zielen der Kulturparkinitiative verpflichtet und beteiligt sich an der Umsetzung für einen Kulturpark auf dem ehemaligen Schlachthofgelände. Zum 15-jährigen Jubliäum haben wir mit Janne Muth gesprochen.

 

Janne, wann seid ihr gestartet und wie kam es zu eurer Initiative?

Die Krea gibt es jetzt seit 15 Jahren. Im September 2002 entstand der Verein aus einer kleinen Gruppierung der IG Schlachthof, um die Gebäude des ehemaligen Fleischereinkaufs zu mieten, in denen wir jetzt unseren Sitz haben und den Großteil unserer Veranstaltungen durchführen. Die IG Schlachthof hatte es sich zum Ziel gesetzt, auf dem ehemaligen Gelände des Schlachthofbetriebs am Salzbachtal einen Kulturpark zu etablieren.


Wie ging es weiter?

Mit zahlreichen Akteuren (u.a. Stadtjugendring, jugendpolitischen Organisationen und Chaos Computer Club) entstand ein netter Mix von Nutzern des Gebäudes. Der Verein hat dann kulturelle und politische Veranstaltungen durchgeführt, auch testweise im Keller, der heute unser Herzstück ist. 2009, nachdem unser Proberaumtrakt eingeweiht wurde, startete die Krea als offiziell angemeldeter Veranstaltungsort durch. 2012 folgte der erste Schritt Richtung Professionalisierung mit der festen Anstellung eines Teams, das die „Tagesgeschäfte“ leitet, also die Aufgaben, die eine durchgängige Routine erfordern, die ehrenamtlich nicht mehr leistbar ist (z.B. Programmplanung, Gastronomie, Personaleinsatzplanung). 2014 haben wir dann die Skatehalle in unserem Gebäude übernommen und betreiben sie jetzt recht erfolgreich.


Wo steht ihr jetzt? Was sind eure Aktivitäten? Wer ist aktiv?

Heute (2017) stehen wir mit beiden Beinen (und was wir sonst noch an Gliedmaßen entbehren können) im Veranstaltungsgeschäft. Mit 130 Veranstaltungen und über 15.000 Besuchern in 2016 haben wir eine Maschine in Gang gesetzt, die wir nicht stoppen können und wollen. Unsere Aktivitäten konzentrieren sich zu einem Großteil auf Musik, sind aber bei weitem nicht darauf beschränkt. Das Prinzip Krea ist, allem was unserer Meinung nach eine Bühne verdient hat, eine Bühne zu geben. Mit lukrativen Veranstaltungen – das sind zumeist Partys – versuchen wir, die defizitären, aber wertvollen Ideen und Konzepte zu finanzieren, achten aber auch bei Partys auf den kulturellen und sozialen, meist subkulturellen Mehrwert. Darüber hinaus schrecken wir vor nichts zurück: Theater, Lesungen, inszenierte Demos, bildende Kunst, Schrottauktionen, Schlechte-Witze-Wettbewerb, Graffiti, Sport-Veranstaltungen, Brettspiele, Kochgruppen, und und und. Die Liste ist endlos, wir machen eigentlich alles. Wir achten immer darauf, Ideen zur fördern, die gut sind, aber vielleicht auch gerade wegen ihrer schweren Finanzierbarkeit anderswo keinen Raum finden. Können wir’s nicht, lernen wir’s. So hat sich die Krea immer weiterentwickelt und wird es auch weiterhin tun.

Der Verein besteht aus mehreren Organen. Der Kern ist die Mitgliederversammlung, die zweimal im Monat zum Plenum zusammenkommt. Hier werden Grundsatzentscheidungen getroffen und aktuelle Themen diskutiert. Aus der Mitte der Mitglieder wird im Zwei-Jahres-Takt ein ehrenamtlicher Vorstand gewählt, der die Krea administrativ leitet. Die zurzeit ca. 50 Mitglieder sind hauptsächlich in der Altersklasse 20 – 30 angesiedelt. So zum Beispiel auch das schon erwähnte Tagesteam, das momentan aus vier Personen besteht, die das Geschäft der Bereiche Teamleitung, Personaleinsatzplanung, Gastronomie, Buchhaltung, Marketing und Booking bearbeiten. Darüber hinaus gibt es einen großen Stamm an aktiven Menschen, die ehrenamtlich auf Veranstaltungen arbeiten. Mit zurzeit ungefähr 70 Leuten – zumeist Jugendliche – geht das deutlich über den Mitgliederstamm hinaus. Hier sei auch betont: Ohne Ehrenamt, also ohne Leute, die bedingungslos Bock auf die Krea haben, gäbe es keine Krea.

 

An welche Veranstaltung oder welches besondere Ereignis erinnert ihr euch am liebsten?

Das ist leicht. Vom 1. – 3. September haben wir mit einem dreitägigen Festival 15 Jahre Kreativfabrik gefeiert. Da haben wir versucht, alles was wir gern haben und das ganze Jahr über machen an einem Wochenende stattfinden zu lassen – mit befreundeten Initiativen, Veranstaltern, Freunden, Bühne im Außenbereich und allerlei Firlefanz. Das war das größte, was die Krea bis jetzt gemacht hat und auch das erfolgreichste. Das Feedback zu diesem Fest ist bombastisch und wir sind immer noch auf Wolke Sieben, weil alles so gut geklappt hat. Bei der Veranstaltung gab es einen eintrittsfreien Außenbereich und abends/nachts für schmales Geld ein wirklich abgefahrenes Programm mit Bands und DJs. Im Außenbereich haben sich viele Akteur*innen der Wiesbadener Soziokultur an Ständen und mit Programmpunkten präsentiert. Die ca. 100 Helfer für das Festival haben ehrenamtlich gearbeitet. Wenn sowas klappt und auch noch positiv aufgenommen wird, gibt das ein unglaubliches Gefühl und Bock auf mehr.

 

Wie bewertet ihr eure bisherige Entwicklung? Seid ihr zufrieden mit dem Erreichten? Wo nicht?

Die Entwicklung, die die Krea hingelegt hat, macht uns eigentlich alle stolz. Auch, wenn uns immer wieder Steine in den Weg gelegt werden – ich denke, davon können soziokulturelle Initiativen ein Lied singen – haben wir es immer geschafft, gerade auch den finanziellen Ruin abzuwenden. Und solange wir ein Dach über dem Kopf haben und genug Leute, die mit anpacken, wird die Krea weiter bestehen. Wir haben kein festes Ziel vor Augen, außer weiterhin Wiesbadens Stiftung für verrückte Subkultur zu sein. Solange das klappt – und das tut es momentan – sind wir zufrieden.

 

Wo seht ihr euch in 5 Jahren? Wo in 20 Jahren?

Auch, wenn es ein wenig abgehoben klingt: Genau da, wo wir heute stehen. Ich persönlich hoffe, dass der Verein immer neue, junge und motivierte Menschen anlockt, die Lust auf eine friedliche Feierkultur haben und darüber hinaus nicht vor sozialem Engagement zurückschrecken. Wenn das klappt, darf sich die Krea in jede Richtung weiterentwickeln, in die es sie treibt. Das gilt für 5 Jahre, wie es für 20, 50 oder 100 Jahre gilt.

Ein größer gefasstes Ziel ist für uns der Kulturpark, den wir uns in Nachbarschaft mit der Murnaustiftung und dem Schlachthof teilen. Unser Ziel ist, dass dieses riesige Projekt in 5 Jahren endlich mal baulich abgeschlossen ist und wir in Kooperation miteinander ganz neue Veranstaltungsformate im Freien durchführen können. Die Stadt muss auch erkennen, dass es hier einer ausgiebigen Förderung bedarf. Wir machen im Kulturpark mit geeinter Vorstellung aus jedem Euro Förderung ein glückliches Gesicht und betreiben quasi in Eigenregie ein kostenfreies Stadtmarketing. Wer mit dem Zug in Wiesbaden einfährt erlebt besonders im Sommer ein optisches Spektakel. Wo gibt’s das sonst?

In 20 Jahren sollte dann unser Traum verwirklicht sein, dass der Kulturpark 24/7 in friedlicher Atmosphäre bespielt ist und ein deutschlandweit einzigartiges Projekt einer Kulturoase ist. Man muss ja auch träumen dürfen.

 

Janne, vielen Dank und alles Gute!

Das Interview führte: Bernd Hesse